Was als kurzer, privater Social-Media-Beitrag eines erfahrenen Flugbegleiters begann, hat sich zu einem komplexen, mehrjährigen Rechtsstreit entwickelt. Der Fall, an dem China Southern Airlines beteiligt ist, verdeutlicht die wachsende Spannung zwischen dem persönlichen digitalen Leben der Mitarbeiter und den strengen beruflichen Standards großer Unternehmen.
Der Vorfall: Ein WeChat-Beitrag während einer Verzögerung
Im Oktober 2019 war Guo, ein Chefflugbegleiter von China Southern, der seit 2005 für das Unternehmen tätig war, auf dem Flug CZ3547 von Guangzhou nach Shanghai stationiert. Während der Flug aufgrund der Flugsicherung eine Verspätung hatte, nutzte Guo ihre Freizeit, um zwei Fotos von sich selbst in Dessous in ihrem WeChat Moments -Feed zu posten.
In ihrer Bildunterschrift hieß es, dass sie wegen der Verspätung des Fluges die Toilette benutzte, um ein Produkt zu testen, das sich „nackt anfühlt“. Obwohl sie den Beitrag innerhalb von zehn Minuten löschte, war bereits ein Screenshot davon erstellt und gemeldet worden.
China Southern reagierte schnell und beendete ihr Arbeitsverhältnis am 18. Oktober 2019. Die Fluggesellschaft führte mehrere Verstöße an:
– Arbeitszeit privat nutzen.
– Verstöße gegen Online-Verhaltensregeln.
– Veröffentlichung „unanständiger“ Bilder, die der Marke des Unternehmens und der öffentlichen Moral schaden.
Das juristische Tauziehen
Der Streit durchlief mehrere Ebenen des chinesischen Rechtssystems, wobei verschiedene Gerichte zu widersprüchlichen Schlussfolgerungen kamen. Diese Meinungsverschiedenheit ergibt sich daraus, wie „Dienstzeit“ und „berufliches Verhalten“ im digitalen Zeitalter definiert werden.
1. Das Schiedsurteil: Ein Gewinn für den Arbeitnehmer
Im Juli 2020 entschied die Schiedskommission für Arbeits- und Personalstreitigkeiten in Guangzhou, dass die Entlassung rechtswidrig sei. Sie forderten die Fluggesellschaft auf, Guo etwa 212.735 RMB (30.909 US-Dollar) an ausstehenden Löhnen zu zahlen. Die Begründung der Kommission basierte auf:
– Die Regeln der Fluggesellschaft sind zu vage, um „schwerwiegendes“ Fehlverhalten zu rechtfertigen.
– Die Stelle findet während einer Ruhezeit und nicht während der aktiven Arbeitszeit statt.
– Fehlende Beweise für tatsächliche Reputationsschäden oder Sicherheitsrisiken.
2. Das Bezirksgericht: Ein Perspektivwechsel
Im Berufungsverfahren hob das Bezirksgericht Baiyun die vorherige Entscheidung auf. Das Gericht argumentierte, dass es sich bei dem Vorfall nicht um eine „Ruhezeit“, sondern um eine Dienstzeit handele. Gemäß den Vorschriften des Verkehrsministeriums sind die Besatzungsmitglieder auch bei Verspätungen im Dienst.
Das Gericht stellte fest, dass Guo während seines Dienstes aktiv mit „Arbeit“ beschäftigt war – insbesondere dem Fotografieren, Bearbeiten und Bewerben eines Produkts. Da ihre Identität als Fluggesellschaft sichtbar war und das Flugzeug im Hintergrund stand, urteilte das Gericht außerdem, dass ihre Handlungen dem Ruf der Fluggesellschaft in Bezug auf Sicherheit und Professionalität unmittelbar geschadet hätten.
Warum das wichtig ist: Das Risiko des „digitalen Fußabdrucks“.
In diesem Fall geht es um mehr als einen Streit um ein einzelnes Foto; Es spiegelt einen breiteren globalen Trend wider, bei dem die Grenzen zwischen privater Meinungsäußerung und beruflicher Verpflichtung verschwimmen.
Der Kernkonflikt: Stellt die Social-Media-Aktivität eines Mitarbeiters, auch wenn sie für eine begrenzte Zielgruppe gedacht ist, einen Vertragsbruch dar, wenn sie während der Arbeitszeit erfolgt oder das Umfeld des Arbeitgebers als Kulisse nutzt?
Dieser Rechtsstreit macht mehrere kritische Realitäten für moderne Arbeitnehmer deutlich:
– Die „Dienstzeit“-Falle: In vielen Branchen ist „Arbeitszeit“ nicht nur die Zeit, in der Sie Hauptaufgaben erledigen, sondern jede Zeit, in der Sie im Dienst sind und für den Dienst verfügbar sind.
– Markenassoziation: Auch wenn ein Arbeitgeber nicht ausdrücklich genannt wird, kann die Identifizierbarkeit anhand der Uniform, des Standorts oder des Kontexts dazu führen, dass persönliche Beiträge zu einer Belastung werden.
– Der Vorwand für eine Entlassung: Wie in historischen Fällen zu sehen ist (z. B. bei Ellen Simonetti von Delta Air Lines in den frühen 2000er Jahren), können Social-Media-Aktivitäten Unternehmen einen „gerechten Grund“ bieten, leitende, gut verdienende Mitarbeiter zu entlassen.
Aktueller Status
Der Fall wurde vom Oberen Gerichtshof Guangdong zur weiteren Berufung angenommen. Bislang ist noch kein endgültiges Urteil gefallen, so dass sich die rechtliche Definition von „Professionalität im Zeitalter der sozialen Medien“ noch im Wandel befindet.
Schlussfolgerung: Dieser laufende Rechtsstreit dient Fachleuten als warnendes Beispiel und zeigt, wie leicht persönliche Social-Media-Gewohnheiten mit strengen Unternehmensrichtlinien kollidieren und erhebliche rechtliche und finanzielle Konsequenzen nach sich ziehen können.
